Die Sonne schiebt sich langsam, wie ein Wombat das sich gerade aus dem Schlaf erhebt, am Horizont empor und taucht die australische Landschaft in ein sanftes rot, bei dem der Finger jedes Hobby-Spiegelreflex Fotografens einer Nähmaschine gleich auf den Auslöser drücken würde. (Oder er wäre schlau genug Serienbild einzustellen, bei einer überraschend überwältigenden Schönheit darf das aber auch vergessen werden.)
Richards Blick kennt jedoch nur die vor ihm liegende Straße. Mit seinen 61 Jahren hat er gelernt, dass Kängurus genauso gerne mitten auf der Straße die Natur anschauen wie Touristen, die gerade aus ihren großen gemieteten Wohnmobilen gesprungen kommen. Beide sind nicht so einfach von der Straße zu kratzen, wie er weiß und deshalb richtet sich jetzt seine ganze Aufmerksamkeit auf den Asphalt vor seinem weißen Ute(eine Art Pick-up Truck). Aus seinem Radio klingt derweil die sanft kanadische Stimme von Alanis Morissette - er mag kanadische Sängerinnen. Er mag Kanada allgemein. Das ist auch der Grund warum er vor einigen Jahren eine 38 jährige Kanadierin geheiratet hat. Komische Blicke hat er dafür natürlich bekommen, sie so jung und er so vermeintlich alt, aber es war ihm egal. Vor einigen Monaten hat sie ihm dann sogar ein paar Zwillinge geschenkt, die damit genauso alt sein werden wie sein Enkel, der Sohn, seines Sohnes aus der vorherigen Ehe. Ein kleines Lächeln blitzt ihm durchs Gesicht.
In was für einer interessanten Welt wir doch leben.
Als einige Stunden später das große Wombat am Himmel beginnt sich schlafen zu legen, erreicht Richard das Erldunda Roadhouse, 200km vor Alice Springs. Nichts ahnend springt er an der Tankstelle aus seinem Ute und befördert den Zapfsäulenschlauch in das Zapfsäulenschlauchloch seines Wagens.
Plötzlich steht da ein Junge neben ihm. Braune Haare, in etwa so groß wie er, aber nicht gerade australisch anmutend. Der Junge fragt ihn ob er zufällig nach Alice Springs fährt und sie die 200km bis dahin abschleppen könnte, da scheinbar ihr Wagen den Geist aufegegeben hat.
Richard lacht in sich hinein. Vor einigen Monaten hatte er schon einmal genau die gleiche Situation, ein junger Kerl mitten im Outback liegen geblieben. Er wägt ab wie lange er noch bis zu seinem Ziel, Tennant Creek, brauchen wird und wie viel länger es wohl dauert wenn er das Auto abschleppt. Da die Sonne allerdings sowieso schon dahin schwindet und er dann auf der Fahrt zumindest ein bisschen Ablenkung von der Einsamkeit hat, beschließt er den Jungen, der sich als Lucas vorstellt, zu helfen.
Als er zu dem Auto kommt, sieht er noch 3 andere Leute dort warten: Ein Mädchen, einen anderen Jungen, sowie einen älteren kleinen Mann. Das Mädchen und der Junge stellen sich kurz als die Mitreisenden vor und helfen dann das Abschleppseil an dem Ute zu befestigen. Richard hat einen freien Platz in seinem Ute und beschließt, dass Lucas wahrscheinlich am geeignetsten ist um sein liegengebliebenes Auto zu lenken, dem Mädchen wäre wohl etwas unwohl mit einem fremden 200km allein in einem Auto zu sitzen und so sagt er dem Jungen mit der Zottelmähne, dass er mit bei ihm einsteigen kann, um die Gewichtverlagerung zumindest etwas zu verbessern.
Die Fahrt geht recht schnell dahin, ein bisschen Small-Talk hier, ein paar Witze da und erstaunlicherweise keine Kängurus auf der gesamten Straße. Kurz vor Alice Springs fällt Richard ein, dass er seinen alten Freund Chris Coulthard, der eine Werkstatt in Alice besitzt, anrufen kann, um den Backpackern schnellstmöglich weiter zu helfen. Chris hört sich am Telefon etwas niedergeschlagen an, aber trotzdem erlaubt er Richard das Auto der Backpacker auf das Gelände der Werkstatt zu stellen, wo es zumindest einigermaßen sicher ist.
Gesagt, getan. Die Backpacker wirken trotz des kaputten Autos irgendwie glücklich und danken Richard für das abschleppen. Sie wollen ihm sogar Geld dafür geben. Richard weiß allerdings, wie knapp am Limit das Leben als Reisender sein kann und so lehnt er nur dankend ab, wünscht ihnen viel Glück und setzt seinen Weg durch die Nacht alleine fort.

Als er eine Woche später wieder zurück in den Süden fährt, beschließt er kurz
bei der Werkstatt vorbei zu schauen. Er sieht dort auch das leere Auto der Backpacker und fragt Chris was mit ihnen passiert ist. Chris erklärt ihm, dass wohl das Geld zu knapp war um es reparieren zu lassen und so hat er es Lucas für 400 Euro abgekauft und sie sind mit Sack und Pack von dannen gezogen.