Mittwoch, 6. Juni 2012

Red Center Stories I (ras)


Shane wacht auf, dass macht er normale Weise jeden Morgen und wie ebenfalls jeden Morgen zeigt die Uhr auf seinem iPhone 4:30 Uhr an. Zu früh, wie er sich selbst immer wieder sagt. Zu spät, wie der Wecker sagt, der schon seit gut einer halben Stunde versucht ihn zu wecken. Nach ein bisschen Augen wischen und dem ersten zaghaften Bettdecke lüften, kommt die allmorgendliche Qual der Wahl: Was ist heute unwichtig? Die täglich alternierende Morgenhygieneausfallroutine trifft das Rasieren und beschränkt das Zähneputzen auf ein paar Kaugummis. Nachdem das entschieden ist, trifft sein suchender Blick im Zimmer auf einen großen, von Textilien geformten Haufen, unter dem durchaus das Kätzchen vergraben liegen könnte, dass er von seinen Eltern in victoria geschenkt bekommen hat um ihn in der Einsamkeit des Outbacks zu unterhalten. Der Berg erinnert ihn allerdings auch, dass da ja auch noch was mit Wäsche machen war, naja und mit Wäschekorb kaufen.

Ist aber erstmal egal, Unterhose ist Unterhose, und Socken sind Socken, der rote Sand lässt das eh alles irgendwann gleich aussehen. Das einzige Probleme ist jetzt noch sein Arbeitsshirt – ein schwarzes Polohemd mit dem Schriftzug: Emu-Tours und dem wunderbaren Bild eines der dümmsten Tiere dieses Kontinents. Der vortägige Barbesuch hatte dem Hemd eindeutig nicht gut getan – Biergeruch und Flecken die von vielen Dingen hätten sein können sind Abzeichen, von denen er blöderweise schon viel zu viele auf seinem Fußboden hat. Er beschließt vorerst das Hemd in seinen Rucksack zu werfen und sich stattdessen ein schwarzes Werbe-Shirt irgendeiner Bierfirma überzuziehen.

Immerhin bringt er nur ein paar blöde Backpacker zum Uluru, erklärt ihnen wo was ist, schläft eine Runde im Bus, fährt sie zu Kata-Tjuta, schläft im Bus, fährt sie zum Sonnenuntergangsaussichtpunkt, tut so als ob er sehr müde ist und sich das Ganze leider nicht angucken kann, schläft im Bus und fährt die möchtegern Alternativ-Touristen wieder zurück in ihre Hostels. Am Ende des Tages ist seine Gesamtschlafzeit dann immerhin doch noch bei meist 5 Stunden angekommen und so beschließt er in die nächste Bar zu gehen.

Bevor es soweit ist, muss er jetzt aber erstmal en Tag anfangen, wer weiß was heute wieder schief läuft. Er holt schnell den Emu-Tours-Kleinbus und belädt ihn anschließend mit einem Rudel Rucksacktouristen, von denen sich die Hälfte auf deutsch und die andere auf französisch unterhält. Soweit also alles beim Alten. Bis jetzt hat es auch noch keinen gestört das auf seinem Shirt nur eine große Bierdose erkennbar ist. Bloß der Boss sollte das nicht bemerken, aber das packt er schon irgendwie.

Mit ein bisschen gute Laune Musik von Jack Johnsen beginnt er also einen weiteren Arbeitstag in dem verdammten Nichts Australiens, das alles Menschen nur wegen diesem verdammten Stein sehen wollen. Aber solange sie ihm damit helfen mehr Geld für seine geplanten Trips durch Europa zu finanzieren hat er eigentlich kein Problem damit.

Der Bus voll schläfriger Backpackys lässt schnell Alice Springs hinter sich und biegt nach etwa 200km auf den Lasseter HIghway Richtung Uluru-Kata-Tjuta ab. Ein Phänomen der Outbackstraßen sind sporadisch auftauchenden Autowracks, von denen jedes seine eigene Geschichte erzählt. Shane mag sie irgendwie, sie geben dem Ganzen ein bisschen adventurösen Flair.

Als er die zwei Backpacker auf dem Seitenstreifen der anderen Straßenseite stehen sieht und bemerkt, dass die Motorhaube ihres Ford Falcons geöffnet ist, ist er schon ziemlich sicher das dort demnächst ein neues Wrack seine Geschichte erzählen wird. Die beiden Backpacker, der eine mit braunen halblangen und der andere mit ziemlich verwirrten blonden Haaren scheinen zumindest nicht allzu viel von Autos zu wissen, so wie sie da ratlos vor der Motorhaube stehen. All das sollte allerdings jetzt nicht sein Problem sein und so fuhr er ohne zu bremsen weiter.

Zeit ist Zeit ist Zeit ist Vergangenheit, wenn der große Felsen langsam im dunkel der Nacht verschwindet und seine orange Sonnenuntergangsfarbe verliert. Zeit nach Hause zu fahren, dass Bier wartet schon. Noch einmal auftanken am Erldunda Roadhouse, welches sich an der Abbiegung des Lasseter Highways in Richtung Alice Springs befindet und ein weiterer Tag ist vorbei, denkt sich Shane voller Zufriedenheit.

Schon als er auf den asphaltierten Teil des Roadhouses einbiegt bemerkt Shane den Ford Falcon und die beiden Backpacker vom Morgen an der Seite stehen. An dem Auto ist nun auch ein Seil, bzw. Eine Ansammlung von Knoten gebunden, welches scheinbar als Abschleppseil dient. Good on ya, denkt Shane nur, als er weiter zu Zapfsäule fährt. Die meisten Backpacker in seinem Bus waren schon wieder eingeschlafen und wer jetzt nicht aufstand um auf Toilette zu gehen würde wohl einfach bis Alice durchschlafen müssen, er zumindest hatte keine Lust auf eine weitere Pinkelpause.

Mehr oder weniger so kam es dann auch. Am Absetzpunkt wartete allerdings auch Shanes Chef und voller Panik riss er schnell seinen Rucksack mit beinhaltendem Arbeitsshirt auf, allerdings stieg ihm nun nicht nur der Biergeruch des Hemdes sondern auch noch der unheil verkündene Duft organischen Katzenabfalles in die Nase und sein kleines 20 Wochen altes Kätzchen begrüßte ihn mit einem vorwurfsvollem Blick und einem Miau, dass wohl equivalent zu der Lautstärke des kleinen knurrenden Magens war. Ein bisschen hin und her gerissen zwischen Schuldigkeitsgefühl und Wut schließt er schnell den Rucksack wieder und stellt sich seinem Chef.

Nach der etwas peinlichen Erklärung warum er irgendein verranztes Werbeshirt einer Bierfirma an hat und der Bus plötzlich nach Katze riecht, steht Shane nun außen am Bus zum Strafputzen, während sein Kätzchen im Inneren die Reißfestigkeit der Sitzbezüge überprüft. Dann wohl heute doch kein Bier, denkt er nur betrübt und blickt plötzlich etwas verwundert in Richtung Hauptstraße. Da fährt doch tatsächlich ein weißer Geländewagen vorbei der mitten in der Nacht ein Auto abschleppt. Naja, nicht irgendein Auto, es ist mal wieder der Ford Falcon, inklusive Backpacker. Ein bisschen erstaunt, aber vor allem erheitert über diese Backpacker und wie sie ihr Auto irgendwie nicht los lassen wollen, fängt Shane an in sich hinein und danach aus sich heraus zu lachen.